Zu einem Filmgenuss, wie man es mal kannte, kommt es heute nur selten. Während das Kino einen noch zwingt, sich voll und ganz auf einen Film zu konzentrieren und sich dem Gezeigten auszusetzen, ist dies mittlerweile zu einer unüberwindbaren Herausforderung herangewachsen. Wie im Januar mit dem Abnehmen zu beginnen oder mit dem Rauchen aufzuhören, wird es auch immer schwerer mit der Konzentration. Im Gegensatz zum Kino ist dieses unkonzentrierte Konsumieren den Streamingdiensten völlig egal, die schielen nur auf die Aufrufe. Die Abonnenten sollen nur Glotzen und da kann man natürlich auch mal das Handy benutzen.
Von Daniel Zemicael

Für viele ist das Handy ein täglicher Begleiter.
Aber geschieht das vom Konsumenten aus freien Stücken?
Kennen Sie die Situation, wenn man einen Film mit seinen Freunden anschauen möchte und von denen sich mindestens einer als nerviger Kommentator herausstellt, wo Sie sich fragen, ob Sie die Freundschaft gar überdenken sollten? Ständig wird die Plausibilität einer jeden Szene oder eines Details kritisiert und abschätzig kommentiert. Christian Petzold nennt diese Nervensägen „Wahrscheinlichkeitsjünger“ und tatsächlich hat diese Art der Klugscheißereri eine etwas obsessive Note. Dennoch setzt dieses Mäkeln voraus, dass man aufmerksam ist und konzentriert einen Film anschaut, was immer seltener passiert. Man hat fast schon den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit beim Filmegucken langsam aber sicher ausstirbt, sodass man es nicht wirklich zugeben möchte, aber insgeheim die sogenannten Wahrscheinlichkeitsjünger tatsächlich vermisst.
Fomo
Heute kennt man eher diese Erfahrung: Man sitzt im Wohnzimmer und während ein Film läuft, schauen alle auf ihr Smartphone. Dieses unsägliche Bild von einer unaufmerksamen Zuschauerschaft ist wohl der Albtraum eines jeden Filmemachers. Doch die Tech-Konzerne wie Netflix oder Amazon-Prime und wie sie alle heißen, sind nicht dumm, sondern clever, denn sie haben diese Art des Konsumierens längst in ihren Produkten inkludiert. So werden u.a. Drehbücher geschrieben, die im Dialog einiges wiederholen oder das was wir eigentlich schon sehen wird dialogisch nochmal beschrieben, obwohl dies gar nicht nötig wäre. Wo das Kino immer vor dem Beginn eines jeden Films eine Handy-Freie-Zone fordert, fördern die Streamingdienste diese Unart des Rezipierens. Und so kann es passieren, dass jemand auf Instagram die zehnte Story glotzt, während auf seinem Fernseher gerade John Wayne mit seinem Pferd in den Sonnenuntergang reitet. Doch wer interessiert sich heute noch für John Wayne, während Topnotch Idiots mit ihren Pranks oder Mr. Beast für vermeintlich mehr Unterhaltung Sorgen?
Aber mal im Ernst: Woran liegt es, dass wir nicht konzentriert einen Film anschauen können, ohne gleich ans Handy zu gehen? Dazu muss man wissen, dass das Smartphone bzw. die Apps, dazu angelegt
sind, den Konsumenten bewusst süchtig zu machen. Das hört sich böse an, ist es auch. Dahinter steckt ganz einfach das Kalkül, die Nutzer so lange wie möglich an ihre Produkte zu binden. Für die
App-Entwickler bedeutet das mehr Gewinn, während es aus den Nutzern zombiehafte Wesen macht, die im Alltag jeden freien Augenblick suchen, um auf ihr Handy zu starren. Selbst bei Menschen, die
von sich behauptet haben, dass aus ihnen sicherlich keine „Suchtis“ werden, sieht die Sache ganz anders aus, wenn sie ihr erstes Smartphone in der Hand halten. Dann ist es längst zu spät, und sie
sind bereits im Netz der Spinne gefangen.
So entsteht für jeden das „Fomo“-Gefühl. Dieses „Fear of missing out“, Dinge zu verpassen oder wichtige Nachrichten nicht rechtzeitig zu lesen. Das hört sich für einen Menschen aus den 90ern
bestimmt nach unnötigen Stress an und das ist es auch. Das Schlimme dabei ist nur, dass es Alltag geworden ist. Klar, dass Kinder, deren Gehirne sich noch in der Entwicklung befinden und erst mit
Mitte 20 ausgereift sind, gar nicht erst in Berührung mit Smartphones kommen sollten. Doch das ist illusorisch. So kommen bereits Kleinkinder mit der bunten App-Welt zusammen, obwohl das große
Schäden für die Kleinen haben kann.
Die Folge einer übermäßigen Bildschirmzeit bei Kindern kann die Spracharealen „Broca“ und „Wernicke“ schaden. Außerdem kann es passieren, dass Smartphone-süchtige Kids Probleme haben Mitgefühl
für andere Menschen aufzubringen oder sich in andere Leute hineinzuversetzen. Das Handy sorgt auch für soziale Isolation, da Freundschaften größtenteils online stattfinden. Rausgehen, die Natur
bewusst wahrnehmen, die Stille und auch die Langweile zu ertragen, ja gar zu genießen, um einen klaren Gedanken fassen zu können, werden uns zunichtegemacht mit dem übermäßigen Handykonsum.
Der Graphomaniker-Selbsttest
So verlieren wir uns immer mehr im App-Getümmel und tauchen tiefer in eine Welt ein, die uns zwar haufenweise Dopaminausschuss verspricht, uns aber abhängig macht, sodass das Lesen von Büchern
oder ein Gespräch mit jemanden zu führen, eine echte Hürde wird. Spätestens dann wenn man merkt, dass man nicht mal in der Lage ist, einen Film komplett und konzentriert anschauen zu können.
Etwas, was man vor ein paar Jahren noch leidenschaftlich getan hat. Hier sollten die Alarmglocken klingeln, und zwar so laut, dass man sich am besten professionelle Hilfe suchen sollte.
Bis zum Termin beim Psychotherapeuten sollte man etwas versuchen, und zwar nenne ich diesen Selbstversuch den „Original-Graphomaniker-Selbsttest“. Der Test geht ganz einfach und ist quasi sofort
anwendbar. Der Anfang meiner Erfindung begann, als ich eines Nachmittags bei meinem Kumpel im Wohnzimmer saß und wir beide „Funny Games US“ von Michael Haneke angeschaut haben. Für mich war es
das Xte mal dieses Meisterwerk zu sehen, für meinen Kumpel das erste und wahrscheinlich auch das letzte Mal. Der Film ist nicht unbedingt für schwache Nerven. Jedenfalls war der Akku meines
Handys leer und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich voll und ganz auf den Film zu konzentrieren. Nach ungefähr einer Stunde geschah etwas mit mir: Ich war gefangen und tief im Film
versunken. Als der Film vorbei war, fiel mir auf, dass ich mein Handy gar nicht vermisst hatte. Klar, der Akku war leer, deswegen war die Hürde es nicht in die Hände zu nehmen geringer, doch
gerade weil ich mich auf etwas konzentrieren konnte ohne Ablenkung, war die Intensität des Films noch sehr viel stärker! Und das will ich Ihnen mit den „Original-Graphomaniker-Selbsttest“ auch
zurückgeben.
Führen Sie das Experiment folgendermaßen aus: Suchen Sie sich einen Film Ihrer Wahl, schauen Sie ihn wie gewohnt an und nehmen Sie ruhig Ihr Smartphone in die Hand. Machen Sie genau das, was Sie
immer tun, wenn Sie einen Film anschauen. Wenn Sie einen Kopfhörer haben, stehen Sie mal auf, gehen in die Küche und machen das Geschirr, während Sie den Film nur hören. Dann kommen Sie zurück
und schauen ein bisschen weiter, bis sie wieder in ihr geliebtes Handy blicken. All diese Szenarien können Sie während des Rezipierens des Films tun. Es soll Ihnen überlassen sein, wie stark Sie
sich ablenken.
So, jetzt sind wir in der sogenannten „Heißen Phase“ des Filmguckens angelangt. Suchen Sie sich wieder einen Film aus, aber diesmal bleibt das Handy ausgeschaltet und Sie dürfen es nicht mehr
anschalten. Sie sind quasi gezwungen nur eine Sache zu tun: Einen Film schauen. Am besten ist es sich einen kurzen Streifen zu Gemüte zu führen, sonst wäre die Schwierigkeitsstufe zu hoch (aber
kein Kurzfilm, da wäre der Schwierigkeitsgrad wiederum zu niedrig). Am Ende haben Sie zwei Filme gesehen mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit. Machen Sie eine Tabelle, indem Sie ein Blatt Papier
mit einem Stift in der Mitte in zwei Hälften teilen. Links kommt der sogenannte „Smartphone & Film“ Abschnitt, rechts der „Fokussierte-Film-Watch“. Schreiben Sie, wie Sie sich beim Film
schauen gefühlt haben, wie intensiv war dass Film gucken mit und ohne Ablenkung? Werten Sie den Test aus und Ihnen werden schwarz auf weiß die Unterschiede auffallen. Ich werde Ihnen Garantieren
(und sie werden es bewiesen sehen), dass ein Film ohne Ablenkung eine völlige andere Art des Rezipierens sein wird, sehr viel Intensiver, eindringlicher, ja sogar derart anders, dass eine
kathartische Wirkung erst dann ausgelöst werden kann!
Das Kino ist unwiderstehlich! Eine App macht nur süchtig!
Was lernen wir daraus? Einen Film mit Smartphone anzuschauen ist einfach kontraproduktiv! Sie werden nie dahinter kommen, was Cinephilie eigentlich ist, Sie werden nie verstehen, was den Akteuren
der Nouvelle Vague damals an der Cinemtheque francaise beim endlosen und leidenschaftlichen Filmeschauen so begeistert hat, Sie werden nie die Jugendlichen der 90er verstehen, mit deren
nächtelangen philosophischen Diskussionen über bestimmte Filme und Sie werden es nie verstehen, was so besonders und schön daran ist, ins Kino zu gehen. Und das einfach nur wegen eines Geräts,
was ein gewisser Steve Jobs mal erfunden hat, mit dem Wissen, dass es Menschen süchtig macht. Wahrscheinlich meinte Steve Jobs genau aus diesen Gründen sei der Gebrauch von Smartphone und Tablet
für seine eigenen Kinder strengstens verboten. Glück für seine Kinder. Die anderen dagegen leben abhängig von diesen Geräten und deren Tools, die wissenschaftlich bewiesen Menschen schade,
Kindern die Empathie nimmt und psychische Krankheiten verursacht.
Im Gegensatz dazu ist das Kino eine Gefühlsmaschine, die wie das Lesen von Büchern, manchmal bewusstseinserweiternd sein kann, und mehr bietet als Entertainment. Das Kino bringt uns in eine
andere Welt, lässt uns in Menschen hineinkriechen, bis wir denken, dass wir diese fiktive Person auf der Leinwand selbst sind. Das Kino bietet demnach mehr, als ein paar lausige Apps jemals
bieten können. Berühmte Wissenschaftler, Künstler, Denker, sie alle haben in der Vergangenheit für das Kino geschwärmt, selbst der Schriftsteller Franz Kafka schrieb den berühmten Tagebucheintrag
„Im Kino gewesen. Geweint“. Keiner hat bisher gesagt „Auf TikTok gewesen. Habe Fasziniert von dieser wunderbaren und bahnbrechenden App weinen müssen“. Merken Sie was?
Und dennoch: Schmeißen Sie Ihr Smartphone vor Rührung beim Lesen meines Artikels nicht einfach achtlos in die nächste Tonne (ist sowieso nicht umweltfreundlich), aber lassen Sie es ab und zu
liegen, vor allem wenn Sie ins Kino gehen, selbst im Heimkino können Sie auf jeden Fall für ein paar Stunden darauf verzichten. Wenn Sie das tun, erleben Sie das Filmeschauen auf intensive Weise.
Und das lohnt sich.
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